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TeGe

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Samstag, 10. Juni 2017, 01:36

Die Schule

So und weiter geht's.

Oben habe ich schon unseren Lehrer Hr. Scharm erwähnt. Hr. Scharm war ein Lehrer der "Alten Garde". Er war streng aber gerecht. Und von ihm konnten wir viel lernen. Er war etwas klein geratener Herr und schon etwas älter. Ich erinnere mich noch gut an seine kleinen Eigenheiten. Er rauchte Filterlose Zigaretten, aber nur mit einem Mundstück in das er immer einen Filter steckte. In jeder großen Pause stand er am Fenster und rauchte eine Zigarette. Er fuhr einen kleinen Prinz mit Zweitakter Motor. Ich glaube er wohnte in Langelsheim. Jeden Freitag fuhr ein Fischwagen auf unseren Hof. Immer wenn er seine Klingel ertönen ließ wurde der Unterricht unterbrochen und wir Kinder liefen zum Wagen um uns eine Lage Kieler Sprotten oder kleine Heringe zu kaufen. Auch Hr. Scharm lies sich immer eine Lage bringen. Er bezahlte natürlich mit seinem eigenem Geld. Er war ein wirklich guter Lehrer. Mindestens einmal im Monat ließ er uns ein Gedicht auswendig lernen und fast jeder durfte es dann vortragen. Unter uns war es immer ein Wettstreit wer die beste Note bekam. und ich kann mit Stolz sagen. Ich war oft einer der ersten. Mein Lieblings Gedicht war John Maynhard von Theodor Fontane. Ich konnte es bereits nach 30 Minuten auswendig. :) Jede Mathestunde begann mit Kopfrechen. Hr. Scharm nannte eine Aufgabe und wir stritten darum die Antwort geben zu dürfen. Bis Heute rechne ich das meiste im Kopf. Dank Hr. Scharm.

Ein weiterer Wettstreit war Erdkunde und das zeichnen von Landkarten. Fast jeder hatte ein ganzes Sammelsurium an Stiften für die Zeichnungen. Wir schabten mit der Klinge eines Anspitzers die Minen der Buntstifte ab um mit dem daraus entstandenen Pulver feinste Farbschattierungen in den Karten zu erzeugen.

Hr. Scharm unterrichtete die 4. bis 8. Klasse direkt im Schulraum des Heimes. Zum Teil mehrere Klassen gleichzeitig. Und dennoch lernten wir mehr wie so mancher Schüler in den Heutigen Schulen.

Eine besondere Erinnerung habe ich an die Schwester von Hr. Scharm. Sie wohnte zufällig ein Grundstück weiter in einem altem Haus mit mehreren Wohnungen. Einige von uns hatte zu dieser armen alten Frau eine besondere Beziehung aufgebaut. Sie lebte in ärmlich Verhältnissen in einer Ein- Zimmerwohnung. Zusammen mit einem Dutzend Vögeln die alle in kleinen Käfigen untergebracht waren. Aber sie hielt nicht einfach diese Vögel sondern pflegte sie gesund. Immer wenn wir irgendwo einen Vogel am Boden liegen sahen brachten wir ihn zu Fr. Scharm. Und wir hatten damit einen Grund sie manchmal zu besuchen um nach dem gebrachten Vogel zu fragen. Sie hatte eine seltsame Eigenheit: Sie rauchte Kräuter in Zigarettenhülsen. Dazu legte sie eine gestopfte Zigarette in ein kleines Metall Etui und zündete diese dann an. Dann inhalierte sie den austretenden Rauch. Ich erinnere mich auch noch an das von ihr zusammengestellte Vogelfutter. Sie nahm etwas Quark und Vogelfutter und verrührte sie zu einer Paste die sie dann mit einem kleinem Holzstück den Vögeln darreichte. Die Besuche bei Fr. Scharm waren für uns immer eine kleine Flucht aus dem Heim. Eigentlich war es nicht erlaubt die alte Frau zu oft zu besuchen, aber sie hieß uns immer willkommen.

Ein Satz von Hr. Scharm habe ich nie vergessen. Es war in Geschichte und es ging um die Soviet Union. Er sagte in etwa: " Eines Tages werden sich die Völker der Soviet Union erheben und die Mauer wird fallen." Und so kam es. Ich hoffe er hat diese Ereignis noch erlebt.



Ich hoffe ich langweile niemanden mit all dem Text. Ich weiß nicht warum ich all das hier schreibe. Aber anscheinend habe ich diese Zeit doch noch nicht ganz verarbeitet. Ich bin ein gestandener Mann in den 50igern und habe mein Leben so gut gelebt wie ich es konnte. In all den vergangenen Jahren habe ich die Zeit im Heim wohl immer verdrängt. Aber irgend etwas ist in mir aufgebrochen als ich hier begann zu schreiben. Ich bin kein depressiver Mensch, aber während ich hier schreibe überkommen mich Erinnerungen die mir die Tränen in die Augen drücken. Ich hatte vor langer Zeit einmal einen Traum. In diesem Traum lag ich auf dem Hof des Heimes und fühlte dass ich starb. Der Traum hatte mich damals sehr erschüttert und ich suchte nach Antworten in einer Bibliothek. Dort fand ich ein Buch über Tauumdeutung welches den Tot in einem Traum als positiven Abschluss eines Erlebten Lebensabschnittes beschrieb. Wenn ich hier schreibe habe ich aber mehr das Gefühl ich habe die Heim zeit noch lange nicht verarbeitet. Obwohl ich in den Letzten Jahrzehnten nie darüber nachgedacht habe. Ich glaube ein Kind welches eine Zeit in einem Heim verbracht hat wird auch noch viele Jahre danach an eine Art Trauma leiden.

Bisher habe ich meine Gefühle immer beim Gitarre spielen verarbeiten können. Aber auch das Gitarre spielen habe ich im Heim erlernt. Nachdem eine Erzieherin einmal auf ihrer Gitarre das Lied Kaspar Hauser von Reinhard May (den ich manchmal bei mir im Ort sehe da er hier Familie hat und selbst mal hier wohnte) spielte, wollte ich Gitarre spielen lernen. Also lieh ich mir eine Gitarre und brachte mir das spielen selber bei. Ich glaube ich habe mich damals im Lied als Kaspar Hauser gesehen. Ich spiel seit damals (40 Jahre lang) regelmäßig Gitarre. Das ist besser wie jede Therapie.

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Glöckchen

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Sonntag, 11. Juni 2017, 08:45

Hallo TEGE, erst mal :danke: für Deinen ausführlichen Bericht, habe ihn mit Interesse gelesen. Nun ists aber so, Du hast laut Deiner Aussage die Vergangenheit bewältigt, das ist leider nicht bei allen "Ehemaligen" so, viele können sich bis heute nicht darüber austauschen,, was früher in dem entsprechenden Heimen war, und was sie erlebt haben, deshalb finde ich es ganz toll, wie Du hier schilderst, wie es Dir ergangen ist, vielleicht haben dann auch noch andere den Mut, ebenfalls etwas zu schreiben, mach weiter so, langweilig wird es bestimmt nicht :D
Signatur von »Glöckchen« gute Freunde sind Menschen, die uns genau kennen und trotzdem zu uns halten



-Marie von Ebner-Eschenbach

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